Gastkommentar: „Noch lebt die Demokratie“ / Aktuell: Mahnmal für Herrn Condé

26.09.2026 22 Von Axel Schuller

„Demokratie verlangt, Probleme und Entwicklungen zu erkennen, Argumente auszutauschen, unterschiedliche Sichtweisen haben zu können und trotzdem Lösungen zu finden.“ So lautet das Credo des heutigen Gastkommentators Jens Grotelüschen (60). Infos zur Person am Schluss. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er ist durch den Scheuersack feindseliger Anwürfe gegangen, nachdem er in einem seiner Hotels einen Raum (an die bislang nicht verbotene) AfD vermietet hatte, damit die dort – wie es das Parteiengesetz verlangt – ihre Wahlliste aufstellen konnte.

Jens Grotelüschen schreibt:

„Die jüngsten Landtagswahlen zeigen: Die Bürger haben die deutsche Politik nicht aufgegeben. In den neuen Bundesländern stieg die Wahlbeteiligung auf bis zu 78% Prozent. Viele wollen mitentscheiden, gerade weil sie spüren, dass es um wichtige Weichenstellungen für die Zukunft unseres Landes geht. Das Spektrum der Parteien wird insgesamt größer. 

Der politische Kampf ist indessen intensiver geworden. Die Kräfte driften auseinander, weil zu viel Politik gegen Grundlagen der Physik, Chemie, Mathematik und Biologie letztendlich gegen den gesunden Menschenverstand gemacht wird. 

Gleichzeitung nimmt die allgemeine und fachspezifische Bildung auch in den höheren politischen Kreisen massiv ab. 

Mehrheiten durch Kompromisse lassen sich schwerer organisieren, weil viele den öffentlichen, durch Medien und NGOs verbreiteten Narrativen folgen. Die Erkenntnis oder auch nur das Gefühl, durch die Regierungen manipuliert oder belogen worden zu sein, ist für die meisten Menschen schmerzhaft oder anstrengend. 

Für einige ist es unmöglich, sich eigene Naivität oder Unvermögen einzugestehen, denn schließlich scheint persönliche Intelligenz das am gerechtesten verteilte Gut zu sein. Kaum jemand behauptet von sich, er habe zu wenig davon. 

Demokratie aber verlangt, Probleme und Entwicklungen zu erkennen, Argumente auszutauschen, unterschiedliche Sichtweisen haben zu können und trotzdem Lösungen zu finden. Wer eine Wahl verliert, muss weiter mitreden können. Wer sie gewinnt, muss versuchen, es besser zu machen und sich kontrollieren lassen.

Diese Kontrollfunktion wird nach der geltenden Verfassung durch die Opposition, durch die Judikative und die Öffentlichkeit, dabei besonders die Medien wie Presse ausgeübt. Gerade jedoch die etablierte Presse hat ihre Kontroll- und Kritikfunktion in großen Teilen aufgegeben. Die Ursachen sind vielfältig und gehen von finanziellen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten bis hin zu Wettbewerb durch neue technische Möglichkeiten des Internets.

Die Nachrichtenflut wird in diesem Kontext immer massiver, plakativer und oft unsachlicher. Sachinformation und Bewertung werden verquickt, und damit wird der Journalismus zum Influencer.   

Auch die öffentliche Debatte hat sich verändert. Das Internet bietet Zugang zu Dokumenten und Perspektiven, die in den Medien nicht immer Platz finden. Die Informationsvielfalt explodiert förmlich. 

Diese Vielfalt ist eine Chance, verlangt aber, Quellen und Inhalte zu prüfen. Mit der rasanten Entwicklung der KI werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion immer schwieriger zu erkennen. Eine Forderung nach dem Verbot von Fake-News im Netz scheint absurd. So sind z.B. Bundespressekonferenzen ein leuchtendes Beispiel von Fake-News-Verbreitung. 

Beispielhaft seien die Regierungsinformationen zu Robert-Koch- und Paul-Ehrlich-Institut-Files genannt. 

Dabei stellt schon die Verfassung der Bundesrepublik, gerade aus historischer Erfahrung, den Schutz des Individuums und dessen Freiheit vor die Staatsmacht. 

Zur Demokratie gehört außerdem, dass die Öffentlichkeit staatliches Handeln überprüfen kann. Deshalb beunruhigen die Pläne zur Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes. Künftig soll für Auskünfte ein „berechtigtes Interesse“ verlangt werden, über das der Befragte entscheiden soll. 

Schon die mögliche Hürde wirft eine grundsätzliche Frage auf: Warum sollten Bürger oder o.g. Kontrollorgane erst begründen müssen, weshalb sie wissen wollen, was ihre Verwaltung für oder gegen sie tut?

Der Philosoph Karl Popper brachte einen Kern der Demokratie auf den Punkt: Eine Regierung muss ohne Gewalt abgewählt werden können. Deshalb brauchen wir freie und geheime Wahlen, offene Diskussionen und wirksame öffentliche Kontrolle. 

Die Demokratie braucht Bürger, die Verantwortung übernehmen, unbequeme Fragen stellen und staatliche Entscheidungen nicht einfach hinnehmen. Politische Macht muss stets begrenzt, begründet und kontrolliert werden. 

Wo Kritik moralisch abgewertet, sprachlich ausgegrenzt oder institutionell erschwert wird, beginnt der demokratische Raum zu schrumpfen. Eine freiheitliche Gesellschaft muss deshalb auch scharfe, unbequeme und möglicherweise irrende Meinungen ertragen – solange sie nicht zu Gewalt aufrufen oder die Rechte anderer verletzen.

Noch lebt die Demokratie, wie die letzten Wahlen gezeigt haben. Die Ergebnisse mögen einem gefallen oder nicht. Der Souverän entscheidet, die Politik muss die Wahlentscheidungen in Handlungen umsetzen. Ob die Demokratie lebendig bleibt, hängt auch davon ab, wie entschieden wir unsere in der Verfassung verbrieften Rechte im Alltag nutzen und verteidigen.“

Soweit der Text von Jens Grotelüschen.

Nach diesem Plädoyer für die Meinungsfreiheit und damit für die Demokratie ein paar Infos zu Jens Grotelüschen. Der Bremerhavener bezeichnet sich als „Unternehmer aus Leidenschaft“, hat insgesamt 200 Mitarbeiter in mehreren Firmen. Der Vater von zwei Kindern war 5 Jahre FDP-Fraktionschef in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung – was die FDP nicht davon abhielt, sich von der Vermietung von Räumen des „Havenhostels“ an die AfD zu distanzieren. SPD, Grüne und Linke sowie ein  „Aktionsbündnis gegen Rechts“ und die „Omas gegen Rechts“ kritisierten Grotelüschen scharf. Er selbst begründete die Vermietung so: „Ich halte die Fahne der Demokratie hoch. Meinungsfreiheit gilt auch für Gäste. Wir sind offen für alle, die Räume brauchen.“

Diese Haltung hat ihm in der Seestadt meinen Infos zufolge einen deutlichen Umsatzrückgang beschert, über den er aber nicht sprechen will.

Meine Meinung, liebe Leserschaft, erahnen Sie: Unser Land braucht deutlich mehr solcher Demokraten mit Rückgrat – die weder vor „Links“ noch „Rechts“ kuschen!

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

Zusätzliches, aktuelles Thema von as: Mahnmal für Laye-Alama Condé am Gerhard-Marcks-Haus:

Politiker, an der Spitze Innensenatorin Dr. Eva Högl (SPD), Kai Wargalla (Grüne) und Miriam Strunge (Linke) hielten gestern neben einem Bruder des Toten und Polizeipräsident Dirk Fasse Ansprachen zur Einweihung des Denkmals, um stets an den Tod im Polizeigewahrsam des damals 35-Jährigen zu erinnern. Interessant: Während Högl nicht ein einziges Mal das Wort „Drogen“ in den Mund nahm, erwähnte „ihr“ Polizeipräsident dieses. Zur Erinnerung: Die Polizei hatte Condé wegen des Verdachts auf Drogenhandel am Sielwalleck festgenommen.

Details zu dieser Gedenkstunde finden Sie hier

https://bremensogesehen.com/20260926-mahnmal-conde-hoegl-brechmittel

Der Bruder bat Politik und Verwaltung der Hansestadt um Prüfung einer Bitte seiner Familie: Bremen möge drei Mitglieder der Familie die Einreise ermöglichen, damit diese drei jungen Menschen eine Ausbildung gewähren.

ACHTUNG geänderte Version: Nach dem Bericht über die Gedenkstunde finden Sie eine Broschüre zum Thema.